Lords of Terror - The Cults of Dorastor
Rezension von Ingo Tschinke

Bei diesem neuesten RuneQuest/ Glorantha-Produkt von Avalon Hill handelt es sich im Grunde genommen um ein Reprint des 'Cults of Terror', welches 1981 vom Hause Chaosium herausgebracht wurde. Bei diesem neu erschienenen Supplement dreht es sich trotz alledem nicht einfach nur um eine Neuauflage eines alten, wenn auch erfolgreichen RuneQuest-Produktes, denn es hat eine doch beachtliche Erweiterung und Überarbeitung des Materials stattgefunden. Insbesondere als ErgĂ€nzung zu dem 1994 erschienenen Buch 'Dorastor - Land of Doom', fĂŒr das dieses Buch den religiösen Hintergrund liefert.

Inhaltlich handelt es sich um ein reines Quellenbuch fĂŒr Glorantha, welches sich alleinig mit den Chaoskulten auseinandersetzt und keine Szenarios enthĂ€lt. Dadurch erhĂ€lt der Spielleiter die notwendigen Hintergrundinformationen zur Ausgestaltung der chaotischen Antagonisten der Spieler. Keiner der in 'Cults of Terror' ausfĂŒhrlich beschriebenen Kulte eignet sich zur Verwendung als Hintergrundreligion fĂŒr einen Spielercharakter. Durch diesen fĂŒr Glorantha so typischen Hintergrund bekommen die chaotischen Charaktere ihre Farbe und den Tiefgang fĂŒr ein interessantes Rollenspiel. Denn ein chaotisches Wesen hat nicht nur das Ziel die Welt zu zerstören und den Spieler-Charakteren das Leben schwer zu machen, nein, es hat auch seine eigene religösen und mythologischen Ansichten, die es durch die Anbetung zu seinen Göttern erhĂ€lt. Dabei gibt es Tausende von verschiedenen Ansichten, genausoviel wie es Götter auf Glorantha gibt. Allerdings ist 'Lords of Terror' auch fĂŒr Spielleiter geeignet, die nicht auf Glorantha spielen oder gar ein anderes Spielsystem als RuneQuest bevorzugen, denn die ausfĂŒhrliche Darstellung der sieben in 'Lords of Terror' beschriebenen Chaoskulte eignet sich sehr gut zum 'Ausschlachten' fĂŒr den Hintergrund und die ErlĂ€uterung von Motivationen von Wesen, welche die Welten bevölkern, die von anderen 'Weltenbauern' erschaffen wurden.

Das Buch beginnt mit einer ErlĂ€uterung darĂŒber, warum es Chaos auf Glorantha gibt und wie man sich dieses Buches bedient. Besonders interessant ist m.E. durch die Darstellung des 'Books of Drastic Resolutions' der BrĂŒckenschlag des RuneQuest zum Call of Cthulhu, welcher das innere Wissen um das Chaos zu einer gefĂ€hrlichen Sache fĂŒr die geistige und religiöse StabilitĂ€t fĂŒr die Spielercharaktere macht. Im weiteren geht das Buch auf die unterschiedliche Sichtweise der verschiedenen Kulturen in Bezug auf das Chaos ein, indem in dem Buch die ErlĂ€uterung eines 'Orlanth Windlords', der darauf eingeht, was das Chaos auf Glorantha bedeutet und wie sich dies alles aufgrund seiner mythologischen und religiösen Sichtweise fĂŒr ihn darstellt, der eines Bruus (gloranthisches Chaoswesen mit Ziegenkopf) 'Schwertlords' gegenĂŒbergestellt wird, welcher verstĂ€ndlicherweise eine ganz andere Sicht der Dinge bezĂŒglich des Chaos und der Welt hat. Sehr viel deutlicher wird diese Vielschichtigkeit der Sichtweisen in der Geschichte in dem darauffolgenden Kapitel durch die Darstellung von Dokumenten ĂŒber den vom 'Zweiten Rat' erschaffenen Gott Gbaji/Nysalor und dessen Erzgegner Arkat. Die eine Kultur sieht in Nysalor den Erlöser und Retter, wĂ€hrend er fĂŒr andere die wahre Inkarnation des Chaos ist, wobei sich die jeweiligen Rollen von Nysalor und Arkat in den Sichtweisen vertauschen oder verdreht werden. Dies macht dem Leser eines ganz klar deutlich: eine universelle Sicht kann und darf es in seinem Rollenspiel nicht geben.

Auf diese nicht unerhebliche EinfĂŒhrung folgt das eigentliche KernstĂŒck des Buches, die Beschreibung von sieben Chaosgottheiten. Bei allen Kulten wird deren Mythos und Historie, deren Bedeutung in der Welt, die Formen der Anbetung und deren KultrĂ€nge sowie die zu erhaltende 'Göttliche Magie' beschrieben.

Bei den Kulten handelt es sich um 'Primal Chaos - The Chaos Ooze', der Kult, dem jedes Wesen des Chaos zugehört oder sich diesem zumindest als nahestehend ansieht. Dieser Kultbeschreibung folgt eine Abhandlung ĂŒber 'Chaos Features', Zeichen des Chaos, die man durch das 'Erste Chaos' erhalten kann oder mit welchen diese Wesen geboren werden, mit einer ausfĂŒhrlichen positiven und negativen 'Chaos Feature'-Tabelle.

Der nĂ€chste Kult ist der von Malia, Göttin der Seuchen. Bei diesem Kult wird auf alle auf Glorantha existierenden Seuchen eingegangen, wie diese ĂŒbertragen werden und wie man sie bekĂ€mpfen kann. Dabei ist als neue Erkrankung auch die Pest mit dabei, die flĂ€chenbrandartig ganze Völker ausrotten kann.

'Bagog - The Scorpion Queen' folgt als nĂ€chster Kult. Dieser Kult ist einer der gewalttĂ€tigsten unter der Chaoskulten, deren AnhĂ€nger, welche alle Skorpionmenschen sein mĂŒssen, ihre Feinde verspeisen und sie dann als neue Skorpionmenschen WiedergebĂ€ren.

Der bekannteste der Chaoskulte ist der von 'Thed - Mutter der Bruus', die als Mutter der zahlmĂ€ssig grĂ¶ĂŸten Chaosrasse ein Fluch fĂŒr ganz Glorantha ist.

Völlig neu ist der Kult von 'Krjalk - Lord of Monster' der gerade in Dorastor eine besondere Rolle spielt und mit ganz neuen Göttlichen Zauber aufwartet. Krjalk ist der Gott der VerrĂ€ter und AbtrĂŒnnigen.

Ein weiterer bisher noch nie beschriebener Kult ist der von 'Pocharngo - Source of Mutation', der Gott der Gorps und chaotischen Mutationen.

Einer der beliebtesten Chaoskulte findet sich auch wieder in diesem Buch, und zwar 'Krasht - The waiting Mouth', der Kult, der jede Zivilisation aushöhlen kann und von der Schlechtigkeit im Menschen lebt. Auch die Krashtkids werden hier beschrieben, die in ihren Höhlen jedem Charakter das Grausen beibringen können.

All diese Kulte verfĂŒgen ĂŒber eine Art 'Beispielcharakter', der durch einen mĂ€chtigen AnhĂ€nger der jeweiligen Kulte dargestellt wird. Dazu passend gibt das Buch mehrere SzenariovorschlĂ€ge vor, in denen diese Charaktere Verwendung finden. Allerdings bietet das Buch noch einige kurze Beschreibungen von anderen Chaoskulten, wie Vivamort - God of Vampires (welcher in einem zukĂŒnftigen Supplement namens 'Tower of the Night' noch ausfĂŒhrlich beschrieben werden soll), Thanatar (welcher schon ausfĂŒhrlich in 'Shadows an the Borderlands beschrieben wurde), Ikadz - The god of pain and torture, Gloomshark, Hungry Jack, Marga, Korbog, Lemure, Sidana, Telmor, Tyram, Urain und Vakalta, mit einigen neuen Zaubern. Unterlegt ist das ganze Buch mit dem Bericht des Paulis Longvale, welcher den Kampf von Hahlgrim mit dem Chaos in den Grenzlanden von Dorastor sehr anschaulich schildert. Aber auch viele kleinere und grĂ¶ĂŸere Abhandlungen ĂŒber die Psyche der Sturmbullen, Erleuchtung durch Nysalor oder Leidenschaftsgeister lockern den Text in einer guten Art und Weise auf.

Insgesamt lĂ€sst sich sagen, dass dieses Buch eines der besten 'Reprint-Produkte' von Avalon Hill ist. Auch die Ă€ußerliche und inhaltliche Gestaltung mit Illustrationen ist als sehr gelungen zu bezeichnen. Keiner der gerne auf Glorantha spielt sollte sich dieses Buch entgehen lassen.


Lords of Terror - The Cults of Dorastor
von Greg Stafford, Sandy Petersen, Stephen Martin
Avalon Hill; 1994
98 Seiten, (Out of Print)


Diese Rezension wurde entnommen aus „FreeINT“ Nr. 10 und ist © Copyright 1995, 2002 by Ingo Tschinke