CTHULHU 1000 A.D. – Cthuloide Welten Sonderband 1
Rezension von Karsten Sassenberg

Cthulhu 1000 A.D. ist ein Sonderband der „Cthulhoiden Welten“ mit sehr stimmungsvollem Cover, der auf einer faszinierenden Idee beruht: Nämlich die Handlung in das düstere Mittelalter zu verlegen.
Man stelle sich einfach den Film „Im Namen der Rose“ vor, nur dass Sean Connery es auf gewisse Bücher der Klosterbibliothek abgesehen hätte. Wer weiß, welch faule Magie diese vor seinen Zugriff schützen soll? Und welch furchtbare Dämonen sich in den Urwäldern Europas verbergen? Bestimmt keine Unterteufel......

Das Material stammt laut Vorwort von Stéphane Gesbert, der sein englischsprachiges Werk „Cthulhu Dark Ages“ zur Übersetzung angeboten hat. Die Redaktion der CW nutzte diese Gelegenheit zur Herausgabe eines Sonderbandes, wobei sie das Material erweiterte und noch ein Abenteuer hinzufügte. Positiv zu vermerken ist vorweg schon einmal, dass es um „wirkliches“ Mittelalter geht, sprich eine realistische Spielumgebung. Sollte es also wirklich jemanden geben, der ein Setting erwartet, wie es vom Mittelaltermarkt in der Nachbarstadt oder aus Filmen wie „Ritter aus Leidenschaft“ bekannt ist, dann sollte er diesen Band meiden.
Denn hier wird dem Leser schnell klargemacht, dass das Mittelalter in erster Linie düster, dreckig und ungerecht war. Und dass die typische Cthulhu-Fertigkeit „Kreditwürdigkeit“ mangels modernen Bankenwesens auch nicht passt, liegt auf der Hand.

Um die Regeln entsprechend anzupassen, bietet das Kapitel „Spielmechanismen“ eine Orientierung. Neue Berufe, z.B. Bettler, Einsiedler/Ketzer, Pilger usw. wie auch Beispiele fĂĽr Namen schaffen die Grundlage fĂĽr die Erschaffung von „Mittelalterlichen“ Spielercharakteren. Hinzu kommen neue Fertigkeiten wie z.B. Reparieren/Ersinnen. AuĂźerdem gibt es Informationen zu Wahnsinn, Krankheit, Fortbewegung und Waffen, sowie Preislisten. Somit steht der schnellen Erschaffung eines Charakters nichts im Wege. Und einige Ideen und Anregungen werden auch gegeben, warum es denn nun dazu kommt, dass die SC ĂĽberhaupt zusammenarbeiten. Denn das ĂĽbliche „du hast in der Zeitung gelesen“ oder „ein Telefonanruf von Rechtsanwalt Pickmann informiert dich ĂĽber das mysteriöse Ableben einer entfernten Schwiegermutter“ läßt sich nun einmal nicht in diesem Hintergrund verwenden. Dazu kommt der Standesunterschied der SC innerhalb einer Gesellschaft welche zu fast 90% aus Bauern bestand. Im Spiel spiegelt sich dies in der Fertigkeit „Status“ wieder. Ein hoher Status macht nun einmal GlaubwĂĽrdiger vor Gericht und kann so manche belastende Zeugenaussage wieder wett machen.

Es folgt das sogenannte „Alte Grimoire“ mit ca. 40 Zaubern, die ihren Ursprung nicht im Cthulhu-Mythos haben. Dazu gibt es natürlich auch Informationen über neue Mythosbücher.

Ein Bestiarium mit neuen Kreaturen und mit Ideen, hinter welchen „bekannten Namen“ sich regional ein Mythoswesen verbergen könnte, geben dem SL einiges an die Hand. Wer also die SC mit einem ganz untypischen Drachen aneinandergeraten lassen möchte hat jetzt die Gelegenheit hierfür. Vielleicht gibt es aber vor eurer Haustür noch interessantere Geschichten, deren wahren Kern ihr nun ergründen lassen könnt.

Es folgt das wichtigste Kapitel, nämlich „finstere Jahre 950-1050“. Dies gibt dem Spielleiter aber auch den Spielern eine informative Übersicht wie das Leben sich zu dieser Zeit gestaltet.
Was trugen die Menschen für Kleidung, was war über Europa bekannt und wovon lebten die Menschen damals. Kurzum: viel Arbeit, Kriegsherren und ein Europa, das fast gänzlich noch von einem Urwald überzogen ist. Eine knappe Übersicht über den Rest der Welt, ein Glossar (Stichwort: Ablaßbrief), Auflistungen mit wichtigen Ereignissen sowie Katastrophen und einigen wichtigen Personen schließt den Quellenteil ab.
Als nächstes folgt ein Abenteuer; im Anhang sind schließlich SC-Zettel sowie eine Quellenangabe zu finden.

Natürlich kann ein Supplement von 114 Seiten nicht ein so komplexes Thema ausleuchten; aber das war auch nicht die Zielsetzung. Zu diesem Zweck gibt es genügend Bücher im Handel; die Quellenangabe listet schon einige davon auf. Die Aufmachung ist von der von Pegasus gewohnten hohen Qualität, und im Gegensatz zum „Berlin“-Band stimmt hier wieder die Mischung und die Lesbarkeit.
Und es vermittelt mehr als genug Wissen, um seine Spielerrunde in ein Mittelalter zu versetzen, in dem die Tentakel der Mythoshorror vielleicht die geringste Gefahr darstellen.
Und all jene, die mittlerweile die Zwanziger Jahre oder die Gegenwart über haben, können nun in eine vollkommen andere Zeit vordringen, in der das Spiel zu einem ganz neuen und einmaligen Erlebnis wird.

Was mir persönlich weniger gefallen hat (aber das ist sicher Geschmackssache), ist die Entscheidung, Kreaturen wie Werwölfe, Vampire oder Lilith mit einzubringen. Ă„hnliches gilt fĂĽr die Idee der nicht Mythos-bezogenen Magie. Nach Meinung des Rezensenten nimmt dies  dem Mythos einen Teil seiner „Einzigartigkeit“. Wenn stets jede regionale Monstrosität tatsächlich eine Manifestation eines Gottes ist, dann ist der Mythos allgegenwärtig und leicht zu entdecken. Der SL sollte das Angebot von „Cthulhu 1000 A.D.“ mit Bedacht fĂĽr seine Kampagne nutzen, um seine Spieler nicht zu langweilen.

Fazit: tolle Aufmachung, hoher Nutzfaktor und gute Lesbarkeit. Hier stimmt das Preis/Leistungsverhältnis. Wenn es noch andere Sonderbände in solcher Qualität gibt dann hat Cthulhu eine Zukunft, von der er bisher nur träumt.


Cthulhu 1000 A.D. – Cthuloide Welten Sonderband 1
von Stephane Gesbert
Pegasus Press; 2002
114 Seiten; €  14.80 (bei
Pegasus)